Die Zukunft der HIV-Prävention
Die zweite Plenarsitzung der IAS 2026 war der Zukunft der HIV-Prävention gewidmet. Die Vorträge machten deutlich, dass die wissenschaftlichen Fortschritte in diesem Bereich heute beeindruckend sind. Gleichzeitig liegen die grössten Hindernisse für die Eliminierung von HIV inzwischen weniger in der Wissenschaft als vielmehr in politischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Im Mittelpunkt standen drei Themen: die Weiterentwicklung der PrEP, die Fortschritte auf dem Weg zu einem HIV-Impfstoff sowie die Bedeutung einer inklusiven Prävention für besonders betroffene Bevölkerungsgruppen.
26. internationale Aids-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro
Beitrag von Walter Ceron
PrEP: Ein wissenschaftlicher Erfolg mit politischen Herausforderungen
Der erste Vortrag zeichnete die eindrückliche Entwicklung der Präexpositionsprophylaxe (PrEP) in den vergangenen fünfzehn Jahren nach. Die präsentierten Daten zeigen, dass präventive Behandlungen heute das HIV-Infektionsrisiko sehr wirksam senken können. Dazu trägt eine stetig wachsende Palette an Präventionsoptionen bei: tägliche Tabletten, PrEP nach Bedarf, Vaginalringe, langwirksame Injektionen sowie neue Formulierungen, die sich derzeit in der Entwicklung befinden.
Nach Einschätzung des Referenten steht die Wirksamkeit der PrEP heute nicht mehr zur Diskussion – sie ist wissenschaftlich klar belegt. Die eigentliche Herausforderung besteht vielmehr darin, Präventionsprogramme langfristig aufrechtzuerhalten, ausreichend zu finanzieren und für alle zugänglich zu machen. Die jüngsten Kürzungen internationaler Fördermittel, insbesondere bei Programmen, die durch PEPFAR und USAID unterstützt werden, könnten trotz hochwirksamer Präventionsinstrumente zu einem Anstieg der HIV-Neuinfektionen führen.
Ein HIV-Impfstoff bleibt unverzichtbar
Der zweite Vortrag widmete sich den Fortschritten in der Impfstoffforschung. Trotz der grossen Erfolge der PrEP betonten die Forschenden, dass ein wirksamer Impfstoff unverzichtbar bleibt, um die HIV-Epidemie langfristig unter Kontrolle zu bringen.
Die Referent:innen erläuterten die zentralen wissenschaftlichen Herausforderungen: Die hohe Mutationsrate des Virus, seine enorme genetische Vielfalt und seine Fähigkeit, sich der Immunabwehr zu entziehen, erschweren die Entwicklung eines Impfstoffs erheblich.
Dennoch werden derzeit mehrere vielversprechende Ansätze verfolgt:
- die Entwicklung neuer Antigene mithilfe künstlicher Intelligenz;
- mRNA-basierte Impfstoffe;
- Nanopartikel-Technologien;
- breit neutralisierende Antikörper (bNAbs);
- Strategien zur gleichzeitigen Stimulierung von Antikörper- und T-Zell-Antworten.
Die Forschenden gehen davon aus, dass künftige Impfstoffgenerationen voraussichtlich mehrere dieser Technologien kombinieren werden, um einen nachhaltigeren und wirksameren Schutz zu erreichen.
Prävention kann ohne Gleichberechtigung nicht gelingen
Der dritte Vortrag beschäftigte sich mit Trans-Communities und der Bedeutung einer wirklich inklusiven Prävention.
Die vorgestellten Daten zeigen, dass trans Personen weiterhin überproportional von HIV betroffen sind. Gründe dafür sind vielfältige strukturelle Barrieren, darunter Diskriminierung, prekäre Lebensbedingungen, erschwerter Zugang zur Gesundheitsversorgung, die unzureichende Erfassung epidemiologischer Daten sowie die mangelnde Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse in vielen Bereichen der Gesundheitspolitik.
Die Referentin plädierte für einen integrierten Präventionsansatz, bei dem geschlechtsbejahende Gesundheitsversorgung, psychosoziale Unterstützung, sexuelle Gesundheit, soziale Dienstleistungen und HIV-Prävention gemeinsam angeboten werden.
Die präsentierten Ergebnisse zeigen, dass trans Personen durch eine solche Integration leichter Zugang zu HIV-Tests, PrEP und antiretroviralen Therapien erhalten und insgesamt bessere gesundheitliche Outcomes erzielen. Die Referentin betonte zudem, dass der Zugang zu geschlechtsbejahender Gesundheitsversorgung selbst ein wichtiger Beitrag zur HIV-Prävention ist.
Fazit
Die Plenarsitzung verdeutlichte, dass die wissenschaftlichen Grundlagen für eine deutliche Reduktion von HIV-Neuinfektionen bereits vorhanden sind. Ob dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann, wird in den kommenden Jahren vor allem davon abhängen, ob Regierungen, Gesundheitssysteme und Gemeinschaften weiterhin in Prävention investieren, innovative Impfstoffansätze vorantreiben und einen gerechten Zugang zu neuen Präventions- und Behandlungsangeboten für alle betroffenen Bevölkerungsgruppen gewährleisten.