Zusammenarbeit mit der Polizei: Massnahme der HIV-Prävention?

Welche Rolle kann die Polizei in der HIV- und STI-Prävention bei Sexarbeitenden spielen? Ein Workshop von SWING Thailand zeigte, wie Polizeiaspirant:innen durch direkte Begegnungen mit Sexarbeitenden und Community-Angeboten für gesundheitliche und soziale Realitäten sensibilisiert werden. Gleichzeitig machten die Diskussionen deutlich, dass solche Ansätze ohne rechtliche und strukturelle Veränderungen rasch an ihre Grenzen stossen.

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Beitrag von Rebecca Angelini

Im Workshop von SWING Thailand wurde über die Rolle der Polizei in der HIV- und STI-Prävention im Sexgewerbe diskutiert. SWING ist eine NGO, die Sexarbeitende in Thailand unterstützt, ihnen Zugang zu Gesundheit und Beratung bietet und sich zugleich für ihre Rechte einsetzt. Die Organisation betreibt mehrere community-geführte Kliniken für sexuelle Gesundheit, die sich an Sexarbeitende sowie an LGBTQI+-Personen richten. Neben der direkten Unterstützung vor Ort geht es SWING auch darum, Vorurteile abzubauen und Behörden für die Realitäten in der Sexarbeit zu sensibilisieren.

Sensibilisierung statt Kontrolle

Besonders interessant ist das Projekt von SWING für Polizeiaspirant*innen. Im Rahmen eines zweiwöchigen Praktikums arbeiten sie direkt mit SWING-Mitarbeitenden zusammen, ohne Uniform, teilweise auch in den Kliniken der Organisation. Sie beobachten dort unter anderem das Testen, lernen etwas über HIV und andere STIs sowie über die Lebensrealität von Sexarbeitenden. Dass rund 70 Prozent des SWING-Teams selbst aus Sexarbeitenden bestehen, verleiht dieser Arbeit zusätzliche Glaubwürdigkeit und eine starke Verankerung in der Praxis.

Ein Dialog trotz Kriminalisierung

In Thailand ist Sexarbeit verboten, findet aber wie in allen Ländern dennoch statt. Vor diesem Hintergrund wirkt es umso wichtiger, dass die Polizei nicht nur repressiv agiert, sondern auch für die sozialen und gesundheitlichen Realitäten im Sexgewerbe sensibilisiert ist. Genau hier setzt das Projekt von SWING an: nicht mit dem Anspruch, die Polizei grundsätzlich zu verändern oder das Machtverhältnis aufzulösen, sondern um überhaupt einen minimalen Dialog über Gesundheit, Schutz und Rechte möglich zu machen.

Wenn Sensibilisierung nicht ausreicht

Der Workshop zeigte aber auch, wie fragil solche Ansätze bleiben. Ein ehemaliger Sexarbeiter aus Nordmazedonien, wo sich Sexarbeit in einer rechtlichen Grauzone bewegt, berichtete von der ernüchternden Erfahrung, dass Sensibilisierung zwar kurzfristig Verhalten verändern kann, dieser Effekt aber schnell verpufft, wenn er vom Engagement einzelner Personen abhängt oder grundlegende Rechte fehlen. Sobald beispielsweise die Führung wechselt, fallen Beamte oft in alte Muster zurück. In vielen Ländern sind Fälle von Gewalt gegen Sexarbeitende durch die Polizei ein bekanntes und dokumentiertes Problem. Das macht deutlich: Schulungen allein reichen nicht, wenn sie nicht durch Rechtssicherheit und strukturelle Veränderungen abgesichert sind.

Repression als Hindernis für Prävention

Norwegen steht wiederum für einen anderen repressiven Ansatz: das Sexkaufverbot nach dem sogenannten schwedischen Modell. Dort sind nicht nur Kund*innen der Sexarbeit, sondern auch Indoor-Betriebe und Sexarbeitende selbst von polizeilicher Repression betroffen. Ein Teilnehmer aus Norwegen berichtete, dass sogar Kondome als mögliche Beweismittel für Strafverfahren eingezogen werden. Das ist nicht nur gesundheitspolitisch problematisch, sondern auch ein Beispiel dafür, wie Repression Prävention untergräbt.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Für die Schweiz stellt sich die Frage anders. Hier ist Sexarbeit als legales Gewerbe geregelt, und es gibt durchaus sensibilisierte Polizeieinheiten, vor allem dort, wo es um Hinweise auf Gewalt, Menschenhandel oder Ausbeutung geht. Im Bereich Gesundheit dürfte das Wissen innerhalb der Polizei jedoch eher begrenzt sein. Deshalb stellt sich weniger die Frage, ob sich das thailändische Modell eins zu eins übertragen lässt, sondern welche Elemente überhaupt sinnvoll adaptiert werden könnten. In der Schweiz erprobte Ansätze sind gemeinsame Schulungen mit Fachorganisationen, um ein besseres Verständnis für die Lebensrealitäten von Sexarbeitenden herzustellen, oder klare Schnittstellen zwischen Polizei, Gesundheitsangeboten und sozialer Beratung.

Ergänzung statt Lösung

Gleichzeitig bleibt eine kritische Distanz notwendig. Die Polizei hat in erster Linie eine repressive Rolle, und ihr Einfluss auf Prävention ist naturgemäss begrenzt. Gerade deshalb sollte man nicht erwarten, dass polizeiliche Sensibilisierung strukturelle Probleme lösen kann. Sinnvoller wäre es, solche Modelle als Ergänzung zu denken. Zentral bleiben die niedrigschwellige Präventions- und Gesundheitsarbeit durch spezialisierte Fachstellen sowie Advocacy-Arbeit, die auf strukturelle Verbesserungen der Rechtslage abzielt.

Dialog als realistisches Ziel

Der eigentliche Mehrwert solcher Projekte liegt vielleicht weniger darin, grundsätzliche Veränderungen herzustellen, als vielmehr in einer Rollenklärung und darin, den Dialog zwischen Behörden und Community zu verbessern. Für die Schweiz könnte das heissen: Sensibilisierung der Polizei mit einem klaren Fokus auf Schutz, Gesundheit und Rechte, aber mit einem realistischen Blick auf die repressive Logik der Polizei als Vollzugsorgan.

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