Protecting what works: Integrieren ohne auszuschliessen
Sinkende Budgets zwingen viele Länder dazu, HIV- und STI-Angebote für Schlüsselpopulationen stärker in die Primärversorgung zu integrieren. Doch erfolgreiche Integration bedeutet nicht, bewährte community-basierte Ansätze zu ersetzen. Im Mittelpunkt des Workshops stand die Frage, wie sich Zugänglichkeit, Vertrauen und zielgruppenspezifische Angebote auch unter finanziellen Einschränkungen erhalten lassen.
26. internationale Aids-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro
Beitrag von Patricia Gründler
Ein Workshop an der AIDS 2026 befasste sich mit einer der zentralen Herausforderungen der aktuellen HIV-Arbeit: Wie können Angebote für Schlüsselgruppen langfristig gesichert werden, wenn die verfügbaren Mittel sinken und Dienstleistungen zunehmend in die Primärversorgung integriert werden?
Ausgangspunkt der Diskussion war die Realität vieler Länder: Kürzungen bei – vor allem internationalen, aber auch inländischen – Fördergeldern führen dazu, dass community-basierte Angebote reduziert werden oder ganz wegfallen. Die Integration von HIV- und STI-Prävention in die Primärversorgung wird deshalb vielerorts als notwendiger Weg betrachtet.Die entscheidende Frage ist oft nicht, ob, sondern wie dies geschehen soll. Wie also Leistungen für Schlüsselgruppen in die Primärversorgung integrieren ohne Effektivitätseinbussen?
Die WHO-Guidelines definieren, dass Leistungen für Schlüsselgruppen folgendes sein müssen: available, accessible, acceptable, und quality.
Mehrfach wurde betont, dass Prävention dort ansetzen muss, wo Versorgungslücken und Infektionen konzentriert sind. In Ländern mit einer konzentrierten Epidemie – wie beispielsweise der Schweiz – reichen Ansätze, die die ganze Bevölkerung ansprechen, allein nicht aus. Um Menschen mit erhöhtem Risiko zu erreichen, braucht es weiterhin zielgruppenspezifische Angebote.
Ein zentrales Thema des Workshops war das Vertrauen. Gerade bei Schlüsselpopulationen entscheidet Vertrauen oft darüber, ob Menschen Gesundheitsangebote tatsächlich nutzen. Angebote können zwar technisch vorhanden sein, für Betroffene aber aufgrund von Stigmatisierung, Diskriminierung oder negativen Erfahrungen faktisch unzugänglich bleiben. Community-basierte Organisationen spielen deshalb eine entscheidende Rolle, weil sie über etablierte Beziehungen und Glaubwürdigkeit innerhalb der Communities verfügen.
Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass Angebote für Schlüsselgruppen weltweit oft nur unzureichend institutionell abgesichert sind. Sie gehören daher häufig zu den ersten Bereichen, die von Sparmassnahmen betroffen sind. Die Herausforderung besteht darin, HIV- und STI-Angebote stärker in die Primärversorgung einzubetten, ohne dabei die spezifischen Stärken community-geleiteter Ansätze zu verlieren.
Erfolgreiche Integration schafft nicht ein System, in dem es für jeden Menschen nur eine einzige Anlaufstelle (entry point) gibt. Stattdessen ist ein Ökosystem aus verschiedenen Akteuren und Angeboten notwendig. Primärversorgung, spezialisierte Dienste und community-basierte Organisationen erfüllen unterschiedliche, sich ergänzende Funktionen. Nachhaltigkeit entsteht nicht durch den Ersatz eines Akteurs durch einen anderen, sondern durch gutes Zusammenspiel.
Für erfolgreiche Integration in die Primärversorgung wurden am Workshop fünf zentrale Empfehlungen formuliert:
- Community-geleitete Dienstleistungen als essentielles Element des institutionell Gesundheitssystems verankern.
- Finanzierungsmechanismen und Überweisungssysteme integrieren, ohne alle Angebote in Gesundheitsinstitutionen zu verlagern.
- Nationale Finanzierungs- und Social-Contracting-Mechanismen für Community-Organisationen aufbauen.
- Differenzierte Angebote, Community Monitoring und zielgruppenspezifische Daten weiterhin sicherstellen.
- Den Erfolg von Integrationsprozessen anhand von Zugang, Vertrauen, Chancengleichheit (equity) und Gesundheitsresultaten messen, und nicht nur anhand der Grösse des Anteils national finanzierter Leistungen.
Fazit: Integration kann ein sinnvoller und notwendiger Weg sein, um Angebote trotz knapper Ressourcen aufrechtzuerhalten. Sie darf jedoch nicht dazu führen, dass die spezifischen Bedürfnisse von Schlüsselpopulationen vergessen gehen. Idealerweise kann durch Integration sogar noch besser auf die Bedürfnisse von Schlüsselpopulationen eingegangen werden. Damit Integration funktioniert, müssen darum die Erfahrungen, das Vertrauen und die Expertise community-basierter Organisationen als unverzichtbarer Bestandteil des Gesundheitssystems erhalten bleiben.
Consolidated guidelines on HIV, viral hepatitis and STI for key populations - 2022