Gesundheitskompetenz: Systeme verstehen statt Einzelpersonen zu beurteilen
Gesundheitskompetenz wird oft als individuelle Fähigkeit dargestellt: medizinische Informationen verstehen, um Entscheidungen zu treffen. Die Beiträge von Dulce Ferraz und Marie Préau boten jedoch eine weitaus differenziertere Sichtweise auf diesen Begriff, der in der Gesundheitspolitik mittlerweile eine zentrale Rolle spielt. Ihre Botschaft ist klar: Die Schwierigkeiten beim Verständnis von Informationen, insbesondere im Gesundheitsbereich, sind nicht allein den Einzelnen anzulasten. Sie zeigen auch die Grenzen der Gesundheitssysteme selbst auf.
Florent Jouinot von der Aids-Hilfe Schweiz berichtet über die AFRAVIH 2026 in Lausanne.
Von der Alphabetisierung zur Gesundheitskompetenz
Die Sitzung beginnt mit einer wichtigen Klarstellung. Im Französischen existieren mehrere Begriffe nebeneinander: Alphabetisierung, Analphabetismus, Kompetenz. Im Englischen dominiert ein einziges Wort: literacy. Dieser sprachliche Unterschied spiegelt jedoch auch kulturelle Unterschiede wider.
Gesundheitskompetenz beschränkt sich nicht darauf, lesen und schreiben zu können. Sie bezieht sich auf die Fähigkeit, Informationen in einem bestimmten kulturellen Kontext zu verstehen und zu nutzen. Die Referentinnen erinnern beispielsweise daran, dass die französische Verwaltungs- und Medizin-Kultur stark auf dem Schriftlichen basiert, während bestimmte Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund aus Traditionen stammen, die stärker auf die mündliche Überlieferung ausgerichtet sind.
Diese Unterscheidung ist im Gesundheitsbereich von entscheidender Bedeutung.
Heute besteht das Problem nicht mehr im Mangel an Informationen und im schwierigen Zugang zu diesen. Im Gegenteil: Informationen, insbesondere im Gesundheitsbereich, sind allgegenwärtig, reichlich vorhanden und manchmal widersprüchlich. Zwischen sozialen Netzwerken, Videoplattformen, Medien und institutionellen Inhalten müssen die Menschen ständig komplexe Daten sortieren, interpretieren und priorisieren.
Gesundheitskompetenz bezeichnet somit die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu erkennen, zu verstehen, zu bewerten und zu nutzen, um fundierte Entscheidungen in Bezug auf Gesundheitsversorgung, Prävention oder Gesundheitsförderung zu treffen.
HIV: Wenn Verständnis die Gesundheit direkt beeinflusst
Im Bereich HIV sind die Folgen konkret. Die vorgestellten Studien zeigen, dass ein geringes Maß an Gesundheitskompetenz folgende Aspekte beeinträchtigen kann:
- die Inanspruchnahme von Tests;
- die Therapietreue;
- die Viruslast;
- die Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung.
Gesundheitskompetenz wird somit zu einem wesentlichen Faktor für gesundheitliche Ungleichheiten.
Diese Herausforderungen haben zu einer explosionsartigen Zunahme von Forschungsarbeiten und Bewertungsinstrumenten geführt: Heute gibt es mehr als 150 Messskalen. Doch trotz dieser methodischen Raffinesse sind die Ergebnisse nach wie vor schwer zu interpretieren.
Die Studien werden überwiegend in den Ländern des Nordens, insbesondere in den Vereinigten Staaten, durchgeführt, was Fragen der Vergleichbarkeit und Anwendbarkeit in anderen kulturellen oder gesundheitlichen Kontexten aufwirft. Vor allem variieren die Ergebnisse stark je nach den verwendeten Instrumenten und den damit verbundenen sozialen Faktoren: Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, prekäre Lebensverhältnisse, soziale Isolation oder Migrationsstatus.
„Verteilte Lese- und Schreibkompetenz“: ein kollektiverer Ansatz
Die im Rahmen der VESPA3-Studie zu diesem Thema vorgestellten Ergebnisse, die während der Sitzung präsentiert wurden, stellen eine weit verbreitete Vorstellung in Frage: Die Messung der Lese- und Schreibkompetenz einer Person würde es ermöglichen, ihr Verhalten oder ihren Gesundheitszustand vorherzusagen.
Tatsächlich stellen die Forscher fest, dass eine geringe individuelle Gesundheitskompetenz nicht zwangsläufig zu einer schlechteren Lebensqualität oder einer schlechteren medizinischen Versorgung führt. Manche Menschen gleichen dies durch ihr Umfeld, durch Gemeinschaftsnetzwerke oder durch vertrauenswürdige Angehörige aus, die in der Lage sind, Dinge zu erklären, zu übersetzen oder zu begleiten.
Die Referentinnen sprechen daher von „verteilter Gesundheitskompetenz“: Die Kompetenzen zirkulieren innerhalb sozialer Gruppen. Das Verständnis von Gesundheitsfragen ist nicht nur individuell, sondern kann auch kollektiv sein.
Diese Hypothese führt auch dazu, die Gesundheitssysteme selbst zu hinterfragen. Eine Person kann den Anschein erwecken, «ein geringes Niveau an Gesundheitskompetenz» zu haben, nicht weil sie weniger gut versteht, sondern weil das Gesundheitssystem nach kulturellen Codes gestaltet ist, die für sie kaum zugänglich sind.
Mit anderen Worten: Die Schwierigkeit liegt oft nicht bei den Menschen, sondern beim System.
Eine besonders relevante Überlegung für die Schweiz
Diese Analysen finden in der Schweizer Realität starken Anklang. In einem mehrsprachigen Land, das durch eine grosse kulturelle und migrationsbedingte Vielfalt geprägt ist, sind Fragen des Verständnisses eines komplexen Gesundheitssystems von zentraler Bedeutung.
Für Aids-Hilfe Schweiz eröffnet diese Überlegung mehrere wichtige Ansätze.
Zunächst erinnert sie an die Grenzen eines rein individuellen Ansatzes bei der Prävention oder der Einwilligung nach Aufklärung. Soziodemografische Merkmale allein reichen nicht aus, um Personen zu identifizieren, die Verständnisprobleme haben werden. Ein persönlicher Austausch bleibt im Rahmen eines gemeinsamen Entscheidungsprozesses unverzichtbar.
Zweitens unterstreicht sie die Bedeutung gemeinschaftsbasierter Ansätze. Formelle oder informelle Gemeinschaftsorganisationen, Gleichaltrige/Peers, Gemeinschaftsbotschafter*innen und Begleiter*innen spielen eine grundlegende Rolle bei der Verbreitung von Informationen, der Stärkung des kollektiven Wissens, der Förderung individueller und kollektiver Selbstbestimmung sowie beim Abbau von Ungleichheiten beim Zugang zu Informationen und im Gesundheitswesen.
Schliesslich fordert diese Sitzung auch die Institutionen auf, ihre eigenen Praktiken zu hinterfragen:
- die verwendete Sprache;
- die administrative und organisatorische Komplexität;
- das Kommunikationsformat zwischen gedruckten Medien (Texte und Illustrationen) und dem Stellenwert des Mündlichen (durch direkten Austausch oder über Videomaterial);
- die kulturelle Zugänglichkeit von Präventionsbotschaften.
Auf dem Weg zu einer zugänglicheren öffentlichen Gesundheit
Im Grunde bot diese Sitzung einen Perspektivwechsel an. Gesundheitskompetenz darf nicht dazu dienen, Menschen nach ihrem vermeintlichen Verständnisniveau einzustufen. Sie muss vor allem die Gesundheitssysteme dazu anregen, verständlicher, inklusiver und besser an die Vielfalt der Kulturen, Lebenswege, Bedürfnisse und Erwartungen angepasst zu werden.
Im Zusammenhang mit HIV wie auch in anderen Bereichen geht es also nicht nur darum, Informationen zu vermitteln. Es geht darum, die Voraussetzungen zu schaffen, damit sich jede und jeder diese Informationen wirklich aneignen kann.