Würde, Gerechtigkeit und Mitgefühl: Wie Aktivist:innen in Pakistan für trans Rechte argumentieren

An der AIDS 2026 in Rio stellte ein Workshop aus Pakistan einen ungewöhnlichen Ansatz vor: Aktivist:innen setzen sich für die Rechte von trans Personen ein, indem sie sich auf islamische Werte wie Würde, Gerechtigkeit und Mitgefühl berufen. Für Menschen, die religiöse Argumente grundsätzlich skeptisch sehen, mag das überraschend sein. In konservativ geprägten Gesellschaften kann dieser Dialog jedoch entscheidend sein, um Ausgrenzung abzubauen und den Zugang zu Gesundheitsversorgung zu verbessern.

© Bastian Baumann

26. internationale Aids-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro
Beitrag von Patricia Gründler

Pakistan überrascht viele Menschen, wenn es um die Rechte von trans Personen geht. Mit dem Transgender Persons (Protection of Rights) Act, 2018 verabschiedete das Land eines der weltweit fortschrittlichsten Gesetze zur rechtlichen Anerkennung und zum Schutz von trans Personen. Das Gesetz schützt unter anderem vor Diskriminierung in Bildung, Arbeit und Gesundheitsversorgung und ermöglicht die rechtliche Anerkennung der Geschlechtsidentität.

Gleichzeitig steht das Gesetz seit Jahren unter starkem Druck konservativ-religiöser Akteure. Die Debatten darüber zeigen, wie umkämpft die Rechte von trans Personen in Pakistan sind.

Vor diesem Hintergrund besuchte ich an der AIDS 2026 in Rio einen Workshop, der einen bemerkenswerten Ansatz vorstellte: Aktivist:innen, trans Community-Leader:innen, religiöse Autoritäten und Gesundheitsfachpersonen suchen bewusst das Gespräch miteinander, um HIV-Stigmatisierung abzubauen und den Zugang zu Gesundheitsdiensten zu verbessern.

Wenn beide Seiten sich auf religiöse Prinzipien berufen

Eine der spannendsten Erkenntnisse des Workshops war, dass sowohl konservative religiöse Akteure als auch Aktivist:innen ihre Argumente häufig auf islamische Prinzipien stützen.

Statt Religion grundsätzlich als Hindernis für Menschenrechte zu betrachten, zeigten die Referent:innen auf, wie sie mit religiösen Autoritäten anhand gemeinsamer ethischer Grundlagen diskutieren. Dabei beziehen sie sich auf Konzepte der islamischen Rechtsphilosophie (Maqasid al-Shariah).

Beispiele für solche Prinzipien sind:

  • Karamah - menschliche Würde
  • Hifz al-Nafs - Schutz des Lebens
  • Adl - Gerechtigkeit
  • La Darar wa la Dirar - keinen Schaden zufügen und Schaden nicht vergelten
  • Rahma - Gnade und Mitgefühl
  • Amanah - Vertrauen und Verantwortlichkeit
  • Satr - Wahrung von Privatsphäre und Vertraulichkeit

Die Aktivist:innen beschrieben diese Prinzipien nicht als abstrakte Theologie, sondern als konkrete Werkzeuge für ihre Arbeit. Wenn beispielsweise trans Personen aus Angst vor Diskriminierung HIV-Tests oder medizinische Versorgung vermeiden, kann dies als Verletzung des Prinzips des Schutzes des Lebens (Hifz al-Nafs) verstanden werden. 

Besonders eindrücklich fand ich das Beispiel zum Prinzip Karamah (menschliche Würde). Die Aktivist:innen argumentierten, dass im Islam selbst verstorbene Menschen und ihre Leichname mit Würde behandelt werden müssen. Wenn sogar Toten Würde zukommt, so ihre Argumentation, könne es erst recht nicht akzeptabel sein, lebende Menschen ihrer Würde zu berauben, sie zu erniedrigen oder ihnen grundlegende Rechte abzusprechen. Dieses Argument wird genutzt, um religiösen Autoritäten aufzuzeigen, dass die respektvolle Behandlung von trans Personen nicht im Widerspruch zu islamischen Werten stehen muss, sondern sich gerade aus ihnen ableiten lässt.

Die Müdigkeit, immer wieder erklären zu müssen

Gleichzeitig war im Workshop auch Frustration spürbar.

Mehrere Aktivist:innen berichteten davon, dass sie es leid sind, ihre Existenz und ihre Rechte immer wieder vor konservativ-religiösen Personen rechtfertigen zu müssen. Diese Müdigkeit ist nachvollziehbar. Viele queere Menschen kennen das Gefühl, ständig erklären, verteidigen oder beweisen zu müssen, warum ihnen dieselben Rechte und dieselbe Würde zustehen wie allen anderen.

Auch in der Schweiz dürfte diese Erfahrung vielen nicht fremd sein.

Dennoch wurde deutlich, warum viele Aktivist:innen in Pakistan den Dialog nicht einfach abbrechen können. In Ländern, in denen konservativ-religiöse Mehrheiten Politik, Gesetzgebung und gesellschaftliche Normen stark prägen, ist die Auseinandersetzung mit religiösen Institutionen häufig nicht optional. Wer nachhaltige Verbesserungen erreichen will, muss oft genau dort Überzeugungsarbeit leisten.

Persönliche Gedanken

Ich nahm an diesem Workshop als nicht-muslimische Person teil, gleichzeitig aber auch als jemand mit einer streng religiösen Vergangenheit.

Gerade deshalb fand ich die Diskussion besonders interessant. In vielen Menschenrechtsdebatten wird Religion oft entweder als Problem oder als Lösung dargestellt. Der Workshop zeigte eine komplexere Realität: Religiöse Traditionen sind keine statischen Blöcke. Sie werden ausgelegt, interpretiert und verhandelt. Dieselben religiösen Quellen können genutzt werden, um Ausgrenzung zu legitimieren oder um für Würde, Mitgefühl und Gerechtigkeit einzutreten.

Ob dieser Ansatz immer erfolgreich ist, bleibt offen. Dennoch hat mich beeindruckt, mit welcher Beharrlichkeit die Aktivist:innen in Pakistan Räume für Dialog schaffen, ohne ihre menschenrechtlichen Anliegen aufzugeben.

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