Wenn junge MSM reisen – warum Grenzen ein blinder Fleck der HIV-Prävention sind

Junge schwule und bisexuelle Männer, die ins Ausland reisen, tragen ein erhöhtes Risiko für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen – ausgerechnet dann, wenn der Zugang zu Präventionsangeboten oft erschwert ist. Eine an der AIDS 2026 vorgestellte Studie zeigt, dass nationale HIV-Programme an Landesgrenzen an ihre Grenzen stossen und plädiert für grenzüberschreitende Ansätze bei Testing, PrEP und Beratung.

26. internationale Aids-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro
Beitrag von Marlon Gattiker

Eine Studie aus dem Pulse Project, vorgestellt an der AIDS 2026 in Rio de Janeiro von Haoyi Wang (Maastricht University), hat untersucht, wie sich Reisen über Landesgrenzen hinweg auf das sexuelle Risikoverhalten und die HIV/STI-Prävalenz junger, schwuler und bisexueller Männer (MSM) in Südostasien auswirken. Befragt wurden über 3'000 MSM unter 25 Jahren aus Kambodscha, Laos, Malaysia und Thailand.

Die Studienpopulation ist strukturell stark belastet: Über die Hälfte ist arbeitslos, fast zwei Drittel leben von weniger als 150 US-Dollar im Monat, und rund 44 % berichten depressive Symptome. Nur ein Drittel wurde je auf HIV getestet.

Rund 16 % der Befragten waren in den letzten sechs Monaten mindestens einmal grenzüberschreitend unterwegs – Thailand war dabei mit Abstand das häufigste Reiseziel, unabhängig vom Herkunftsland. Von diesen Reisenden gaben 29 % an, während der Reise mindestens eines von vier besonders risikobehafteten Verhaltensweisen gezeigt zu haben: ungeschützten Analverkehr (22 %), Sexarbeit gegen Bezahlung erhalten (6.7 %), für Sex bezahlt zu haben («Sextourismus», 7.3 %) oder Chemsex (2.7 %).

Der zentrale Befund: Wer während einer Reise eines dieser Verhaltensweisen zeigte, hatte durchwegs höhere HIV- und STI-Raten als Nicht-Reisende oder Reisende ohne solches Verhalten – etwa bei Syphilis, Chlamydien, Hepatitis B und C. Besonders auffällig: Wer für Chemsex ins Ausland reiste, wies eine Syphilis-Prävalenz von über 30 % auf.

Auch beim Zugang zu Präventionsmitteln zeigt sich eine Lücke genau dort, wo sie am schmerzhaftesten ist: Reisende mit risikoreichem Verhalten kannten PrEP zwar vergleichsweise gut, nutzten es aber am seltensten (6 % aktuelle Nutzung) und brachen es überdurchschnittlich oft wieder ab. Wang spricht von einer «PrEP-Kaskade, die genau in der Gruppe mit dem höchsten Risiko versagt».

Die Analyse zeigt zudem, dass strukturelle Faktoren das Risiko für solches Verhalten deutlich erhöhen: Erwerbstätigkeit, frühere Sexarbeitserfahrung und vor allem erlebte sexuelle Gewalt – erzwungener Sex erhöhte die Chance auf riskantes Verhalten während der Reise um das Elffache. Auch Mobbing-Erfahrungen in den letzten 12 Monaten waren ein starker Risikofaktor.

Wangs Fazit: Nationale HIV-Programme sind fast überall strikt an Landesgrenzen ausgerichtet. Sobald junge MSM eine Grenze überqueren, verlieren sie oft den Zugang zu Testing, PrEP und Beratung – genau in dem Moment, in dem ihr Risiko steigt. Die Lösung seien deshalb nicht bessere nationale, sondern grenzüberschreitend gedachte Programme.

Auch wenn sich die Studie auf Südostasien bezieht, ist die Grundproblematik übertragbar: Schweizer MSM, die für Reisen, Dating-Apps oder Chemsex-Kontexte ins Ausland unterwegs sind, stossen ebenfalls auf Lücken in der PrEP- und Testversorgung ausserhalb der Landesgrenzen. Die Studie unterstreicht die Relevanz von reisebezogener Beratung und niederschwelligem, grenzüberschreitend gedachtem Zugang zu Präventionsangeboten.

Quelle: Wang, H. "When Sexual Health Prevention and Care Ends at the Border: Cross-border Sexual Mobility, HIV and STI burdens, and PrEP cascades Among Young MSM in Southeast Asia." Präsentiert an der 26th International AIDS Conference (AIDS 2026), Rio de Janeiro, 26.–31. Juli 2026. HaSH#Lab, Maastricht University.

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