Wenn das Gedächtnis nachlässt: Kognitive Gesundheit bei älteren Menschen mit HIV
Eine Studie aus Brasilien, vorgestellt an der AIDS 2026 in Rio de Janeiro von Priscila Corção, hat untersucht, welche Faktoren mit einer schlechteren kognitiven Leistung bei älteren Menschen mit HIV zusammenhängen. Grundlage war die ELEA-Brasil-Studie, eine Querschnittsanalyse mit Daten aus drei grossen Zentren (Salvador, Rio de Janeiro, São Paulo).
26. internationale Aids-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro
Beitrag von Marlon Gattiker
Analysiert wurden 624 Personen mit HIV ab 50 Jahren, alle unter wirksamer Therapie (Viruslast unter 200 Kopien/ml). Das mittlere Alter lag bei 62 Jahren. Zur Messung der kognitiven Leistung kam der weltweit verbreitete MoCA-Test (Montreal Cognitive Assessment) zum Einsatz, Depressionen wurden mit dem PHQ-9-Fragebogen erfasst.
Der zentrale Befund: Über die Hälfte der Teilnehmenden (50.5 %) erzielte einen MoCA-Wert von 23 Punkten oder tiefer – ein Hinweis auf eingeschränkte kognitive Leistung. Das deckt sich mit früheren brasilianischen Studien, die eine Prävalenz von rund 44–53 % gefunden hatten.
Mehrere Faktoren erwiesen sich statistisch als eng mit tieferer kognitiver Leistung verknüpft:
- Höheres Alter – mit jeder Alterskategorie sank die Leistung weiter.
- Soziale Vulnerabilität: People of Colour (in Brasilien: Preto/Pardo) sowie Menschen mit geringerer Bildung schnitten deutlich schlechter ab – am stärksten betroffen waren Personen ohne Schulbildung oder mit weniger als 8 Jahren Schulbildung.
- Psychische Gesundheit und HIV-Verlauf: Höhere Depressionswerte (PHQ-9) und ein tieferer CD4-Tiefstwert (Nadir) in der Vergangenheit – also eine schwerere Immunschwäche zu einem früheren Zeitpunkt – hingen ebenfalls mit schlechteren Werten zusammen.
- Medikamentengeschichte: Eine längere kumulative Einnahme von Efavirenz (einem älteren HIV-Medikament, das für neuropsychiatrische Nebenwirkungen bekannt ist) war mit tieferer Leistung assoziiert. Das neuere Medikament Dolutegravir zeigte diesen Zusammenhang nicht.
Corção betont: Kognitive Gesundheit im Alter mit HIV wird nicht allein durch das Virus selbst geprägt, sondern durch ein Zusammenspiel aus biologischer Vorgeschichte, psychischer Gesundheit und sozialer Benachteiligung. Ihre Empfehlung: Routinemässiges Screening auf kognitive Einschränkungen und Depression sollte fester Bestandteil der HIV-Versorgung älterer Menschen werden, um gefährdete Personen frühzeitig zu erkennen und gezielt zu unterstützen.
Der MoCA-Test ist ein Screening-Instrument, keine diagnostische Untersuchung – ein tiefer Wert bedeutet also nicht automatisch eine Demenz-Diagnose. Zudem wurden Personen mit schweren psychiatrischen oder neurologischen Vorerkrankungen ausgeschlossen – also gerade jene Gruppen, in denen Beeinträchtigungen in der Praxis häufig vorkommen.
Auch in der Schweiz lebt eine wachsende Zahl von Menschen langfristig mit HIV und älteren Therapien im Hintergrund, während psychische Gesundheit und soziale Isolation im Alter zentrale Themen sind. Die Studie liefert ein starkes Argument dafür, kognitive und psychische Gesundheit systematisch in der HIV-Versorgung mitzudenken.
Quelle: Corção, P. "Biological and Psychosocial Factors in Cognitive Decline Among Older Adults with HIV." Präsentiert an der 26th International AIDS Conference (AIDS 2026), Rio de Janeiro, 26.–31. Juli 2026. Priscila Corção ist Neuropsychologin am Instituto Nacional de Infectologia Evandro Chagas (INI), Fundação Oswaldo Cruz (Fiocruz), Brasilien. Datengrundlage: ELEA-Brasil-Studie ("Estudo Longitudinal do Envelhecimento e AIDS").