Trans Personen: ohne Gender Affirming Care auch keine PrEP-Nutzung

Transpersonen gehören weltweit nach wie vor zu den Bevölkerungsgruppen, die am stärksten von HIV bedroht sind. HIV-Prävention ist undenkbar, ohne über Rechte, geschlechtsbejahende Gesundheitsversorgung, prekäre Lebensverhältnisse, psychische Gesundheit und Community-Zugang zu sprechen. Die Verletzlichkeit von Transpersonen ist nicht untrennbar mit ihrer Identität verbunden. Sie ist sozial bedingt.

Florent Jouinot von der Aids-Hilfe Schweiz berichtet über die AFRAVIH 2026 in Lausanne. 

In seinem Beitrag weist Gabriel Girard auf das Ausmass der Ungleichheiten hin. Weltweit ist die HIV-Prävalenz bei Transpersonen deutlich höher als in der Allgemeinbevölkerung. Den leider lückenhaften verfügbaren Daten zufolge sind Transfrauen besonders stark betroffen: 8,5 % leben mit HIV, in bestimmten Kontexten sind es sogar fast 40 %.

Doch Zahlen allein reichen nicht aus, um die Situation zu verstehen.

Institutionelle Diskriminierung, Gewalt und Kriminalisierung spielen eine wesentliche Rolle bei der HIV-Exposition und beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. Noch heute stellen mehr als dreissig Länder Transidentität offiziell unter Strafe. In vielen Kontexten verschärfen Gesetze zur Bekämpfung der Sexarbeit die Prekarität und Ausgrenzung von Transfrauen zusätzlich.

Die gesundheitlichen Folgen sind unmittelbar:

  • Vermeidung von Tests aus Angst vor Stigmatisierung,
  • Unterbrechungen der medizinischen Versorgung,
  • Schwierigkeiten beim Zugang zu Präventionsmaßnahmen,
  • schlechtere Virusunterdrückung bei Personen, deren Ausweispapiere nicht dem gelebten Geschlecht entsprechen.

Transphobie erweist sich somit als ein wesentlicher Gesundheitsfaktor.

„Transphobie ist keine Meinung, sondern Gewalt“, erinnert der Soziologe in einem internationalen Kontext, der von einer Zunahme reaktionärer Diskurse geprägt ist, die sich explizit gegen Transpersonen richten.

Gabriel Girard hebt fünf Punkte hervor, die seiner Meinung nach berücksichtigt werden müssen: 

  1. Anerkennen, dass die Vulnerabilitäten von Transpersonen gegenüber HIV intersektional sind (Geschlecht, Sexualität, Migration, Sexarbeit, Prekarität, Rassismus);
  2. Bilden von Allianzen angesichts der Faschisierung der öffentlichen Debatte und ihrer Folgen für Transpersonen;
  3. Die Autonomie und Nachhaltigkeit von trans-gemeinschaftlichen Mobilisierungen in einem zunehmend feindseligen globalen Kontext zu gewährleisten;
  4. Die Entwicklung einer Kultur der partizipativen Forschung zu unterstützen, indem Gemeinschaftsorganisationen die Mittel zur Mitwirkung erhalten;
  5. Uns als Mitstreiter*innen in unseren jeweiligen Kämpfen zu positionieren und nicht nur als Verbündete*n

Abkehr von einem „risikozentrierten“ Ansatz

Mehrere Vorträge stellten zudem traditionelle Ansätze der HIV-Prävention in Frage.

Für Chloé Pasin führt die Rede von „Risikogruppen“ oder „Risikoverhalten“ dazu, dass Menschen in starre Identitätskategorien eingeordnet werden. Dieser Ansatz reduziert Individuen auf ihre vermeintliche HIV-Exposition und suggeriert, dass die Gefahr ihrer Identität innewohnt.

Die Forscherin plädiert für eine Ausbildung von Fachkräften, die auf Vertrauen und Empathie basiert, sowie für den Abbau von Vorurteilen – ein Ansatz, der in gelebten Realitäten verankert und sexpositiv ist und reale Lebenskontexte hinterfragt:

  • Wohnverhältnisse;
  • wirtschaftliche Prekarität;
  • Gewalt, einschließlich sexueller und institutioneller Gewalt;
  • Zugang zu Gesundheitsversorgung, einschließlich geschlechtsbejahender und sexueller Gesundheitsversorgung;
  • Fähigkeit, Schutzmaßnahmen auszuhandeln.

Der Sprachwandel wird so zu einem echten klinischen und politischen Instrument.

Anstatt zu fragen: „Gehören Sie zu einer Hochrisikogruppe?“, sind Fachkräfte dazu aufgefordert, die Lebensumstände und die verfügbaren Ressourcen der Person zu erkunden.

Dieser Ansatz zielt darauf ab, die Handlungsfähigkeit und Autonomie zu stärken, anstatt Schuldgefühle zu wecken und von der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen abzuhalten.

Geschlechtsbejahende Versorgung als Einstiegsmöglichkeit 

Eine der wichtigsten Botschaften der Sitzung betrifft die geschlechtsbejahende Versorgung.

Daten der US-amerikanischen LEGACY-Kohorte, die mehr als 8.000 Transpersonen umfasst, zeigen, dass geschlechtsbejahende Hormonbehandlungen mit folgenden Effekten verbunden sind:

  • einem verringerten Risiko einer HIV-Infektion,
  • einer besseren Virusunterdrückung bei Menschen, die mit HIV leben.

Für die Referentinnen verändern diese Ergebnisse die Perspektive grundlegend.

„Bietet geschlechtsbejahende Versorgung an, denn sonst werdet ihr niemals die Tür für PrEP öffnen.“

Mit anderen Worten: Ohne Zugang zu respektvoller und bejahender Versorgung bleibt die HIV-Prävention weitgehend unzugänglich.

Diese Logik erfordert ein Umdenken bei den Dienstleistungen:

  • die HIV-PrEP in trans-spezifische Gesundheitsangebote zu integrieren;
  • das Pflegepersonal in Gender-Fragen zu schulen;
  • die Öffnungszeiten und Betreuungsmodalitäten anzupassen;
  • gemeinschaftsbasierte Modelle zu entwickeln.

Erfahrungen aus Thailand mit der Tangerine Clinic oder aus Frankreich, insbesondere mit Acceptess-T, zeigen, dass diese Ansätze das Vertrauen stärken, Stigmatisierung verringern und die Kontinuität der Versorgung fördern.

„PrEP à porter“: Prävention gemeinsam mit Transfrauen

Die von Valentina Isernia vorgestellte Studie „PrEP à porter“ veranschaulicht diesen Ansatz konkret.

Das Programm wurde in Paris im Rahmen einer langjährigen Partnerschaft zwischen dem Hôpital Bichat und der Gemeinschaftsorganisation Acceptess-T entwickelt und richtet sich an Transfrauen mit hohem HIV-Risiko, bei denen es sich überwiegend um Migrantinnen, Menschen in prekären Lebensverhältnissen und Sexarbeiterinnen handelt.

Das Programm kombiniert:

  • Gemeinschaftsvermittlung;
  • soziale und rechtliche Begleitung;
  • materielle Unterstützung durch den FAST (Fonds d’Aide Sociale Trans);
  • psychologische Unterstützung;
  • gemeinschaftliche Vorsorgeuntersuchungen auf HIV, andere sexuell übertragbare Krankheiten und virale Hepatitis;
  • Online-Beratung oder Beratung direkt in den Räumlichkeiten des Vereins;
  • spezielle medizinische Sprechstunden im Krankenhaus, die Dienstleistungen zur Geschlechtsbejahung, psychische Gesundheit und sexuelle Gesundheit einschließlich HIV-PrEP vereinen.

Die Profile der Teilnehmerinnen verdeutlichen das Ausmaß der kumulierten Vulnerabilitäten:

  • erhebliche rechtliche und wirtschaftliche Prekarität führen zu einem Bedarf an sozialer Absicherung, die ständig in Frage gestellt wird;
  • hohe Gewaltgefährdung;
  • hoher Bedarf an psychischer Gesundheitsversorgung;
  • häufige Injektionen von Silikon mit Komplikationen.

Trotzdem zeigen die ersten Ergebnisse, dass ein multidisziplinäres und „außerhalb der Mauern“ angesiedeltes Programm eine zufriedenstellende PrEP-Bindung ermöglicht, was bei Transfrauen historisch gesehen schwierig war.

Die Studie zeigt zudem, dass das Engagement für Prävention zunimmt, wenn soziale, psychologische und rechtlich-administrative Bedürfnisse gleichzeitig berücksichtigt werden.

PrEP allein reicht nicht aus. Es sind die Lebensumstände, die darüber entscheiden, ob eine Person in der Behandlung verbleibt.

Eine Lehre für die Schweiz

Diese Präsentationen finden starken Widerhall bei den Herausforderungen in der Schweiz. Auch wenn der rechtliche Kontext ein anderer ist, sind Transpersonen in der Schweiz nach wie vor mit erheblicher Diskriminierung konfrontiert, auch im Gesundheitswesen, sowie mit rechtlichen und administrativen Schwierigkeiten – insbesondere im Bereich der Krankenversicherung – und mit Ungleichheiten beim Zugang zur Gesundheitsversorgung, einschliesslich der sexuellen Gesundheit.

Für Aids-Hilfe Schweiz ergeben sich daraus mehrere klare Erkenntnisse.

Erstens: Die geschlechtsbejahende Versorgung muss stärker in die HIV- und STI-Strategien integriert werden. Präventionsmassnahmen können nicht von den allgemeinen Gesundheitsbedürfnissen sowie den Erwartungen der betroffenen Personen und deren Prioritäten im Gesundheitsbereich getrennt werden.

Zweitens müssen gemeinschaftsbasierte Ansätze «von und für» Transpersonen gestärkt werden. Die vorgestellten Erfahrungen zeigen, dass Gemeinschaftsorganisationen nicht nur in der Prävention, sondern auch beim Zugang zu Rechten, psychischer Gesundheit und sozialer Stabilität eine zentrale Rolle spielen.

Schließlich betonten die Referent*innen die Notwendigkeit, diese Ansätze politisch zu verteidigen – vor dem Hintergrund internationaler Haushaltskürzungen und einer Zunahme konservativer, transfeindlicher Diskurse, von denen auch die Schweiz nicht verschont bleibt.

Denn Angriffe auf Transidentitäten betreffen niemals nur Transpersonen. Sie sind oft ein erster Schritt in Richtung einer umfassenderen Infragestellung der Rechte marginalisierter Gruppen.

„Nichts über uns ohne uns“

Im Laufe der Vorträge kehrte ein Gedanke immer wieder: Transpersonen dürfen nicht nur als „gefährdete Zielgruppen von Präventionsstrategien“ betrachtet werden, sondern als zentrale Akteure der Gesundheitspolitik, die sie betrifft.

Partizipative Forschung, gemeinschaftliche Governance, Fachwissen aus gelebter Erfahrung: Die wirksamsten Projekte sind jene, die „von, für und mit“ den Trans-Gemeinschaften entwickelt werden.

Über die wissenschaftlichen Daten hinaus hat AFRAVIH 2026 somit an eine oft vergessene Selbstverständlichkeit erinnert: HIV-Prävention funktioniert am besten, wenn die betroffenen Menschen die Macht haben, auf ihre eigene Gesundheit Einfluss zu nehmen.

 

 

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