Chemsex: weg von der moralischen Panik
In mehreren Vorträgen aus Europa und Afrika kristallisierte sich eine gemeinsame Botschaft heraus: Ansätze, die sich ausschliesslich auf die Gefahren oder auf die moralische Verurteilung der Praktiken konzentrieren, stossen an ihre Grenzen. Um den Konsum zu verstehen, Komplikationen vorzubeugen und wirksame Massnahmen zu entwickeln, muss man von den Menschen selbst ausgehen: von ihren Beweggründen, ihren Lebenswegen, ihren tatsächlichen Bedürfnissen und ihren Erwartungen.
Florent Jouinot von der Aids-Hilfe Schweiz berichtet über die AFRAVIH 2026 in Lausanne.
Chemsex: ein reales Phänomen, das jedoch oft verzerrt dargestellt wird
Chemsex bezeichnet den Konsum psychoaktiver Substanzen im sexuellen Kontext, in der Regel um den Geschlechtsverkehr zu verlängern, die Empfindungen zu intensivieren oder bestimmte partnerschaftliche und sexuelle Erfahrungen zu erleichtern. Die am häufigsten genannten Substanzen sind nach wie vor Methamphetamin, GHB/GBL, Kokain oder bestimmte synthetische Cathinone.
Doch wie Annie Velter betonte, wird das Phänomen in den Medien und öffentlichen Debatten oft karikaturistisch dargestellt.
Chemsex existiert, stellt jedoch keine einheitliche Realität dar. Die Profile, Praktiken, Kontexte und Erfahrungen sind aeusserst vielfältig. Manche Menschen beschreiben positive, sozial oder sexuell bereichernde Erfahrungen; andere berichten von erheblichen Komplikationen im Zusammenhang mit ihrer psychischen Gesundheit, Überdosierungen, Infektionen oder problematischem Konsum.
Chemsex auf eine absolute Gefahr zu reduzieren, verhindert daher das Verständnis dessen, was tatsächlich vor sich geht.
Abkehr von einer ausschließlich auf das HIV-Risiko fokussierten Sichtweise
Die vorgestellten Forschungsergebnisse zeigen auch die Grenzen bestimmter Indikatoren auf, die in quantitativen Studien verwendet werden.
In der ERAS-Umfrage unter MSM in Frankreich berichten Personen, die Chemsex praktizieren, von mehr Analverkehr ohne Kondom, mehr Partnern und mehr bakteriellen STIs. Sie nehmen aber auch viel häufiger PrEP ein oder leben bereits mit HIV und werden regelmäßig medizinisch betreut.
Mit anderen Worten: Bestimmte Indikatoren, die traditionell zur Messung des „Risikos“ herangezogen werden, verlieren im Zeitalter prophylaktischer und therapeutischer Behandlungen, die eine Übertragung verhindern können, an Relevanz.
Analverkehr ohne Kondom bedeutet nicht automatisch ein Risiko für eine HIV-Infektion, wenn die Person eine antiretrovirale Therapie erhält.
Die Referent*innen betonten daher die Notwendigkeit, Fragebögen und statistische Analysen anzupassen, um Störfaktoren auszuschliessen:
- Anzahl der Partner*innen und Vielfalt der Praktiken;
- sexuelle Netzwerke, insbesondere städtische Community-Netzwerke;
- Zugang zu und Inanspruchnahme von Tests und Behandlungen, einschließlich PrEP;
- HIV-Status;
Die Frage wird damit präziser: Sind Menschen, die Chemsex praktizieren, bei vergleichbaren sexuellen Praktiken tatsächlich bestimmten spezifischen Risiken stärker ausgesetzt? Und wenn ja, welchen genau, aus einer ganzheitlichen Perspektive der bio-psycho-sozialen Gesundheit?
Verlaufsmuster verstehen statt Praktiken klassifizieren
Mehrere Vorträge haben zudem die Grenzen rein quantitativer Ansätze hervorgehoben.
Der sexualisierte Substanzkonsum lässt sich nicht allein anhand von Zahlen oder Verhaltenskategorien verstehen. Die Motivationen sind vielfältig:
- Luststeigerung;
- Enthemmung;
- sexuelle Erkundung;
- Geselligkeit;
- Angstbewältigung;
- Zugehörigkeitsgefühl;
- Bekämpfung von Isolation;
- psychische Bewältigungsstrategien;
- Identitätsfindung.
Zukünftige Forschungen müssen daher verstärkt qualitative und longitudinale Ansätze einbeziehen.
Die künftige Community-Kohorte „Sex&Drugs“ in Frankreich geht in diese Richtung: Sie zielt darauf ab, die Lebensverläufe, subjektiven Erfahrungen und tatsächlichen Bedürfnisse von Menschen, die Chemsex praktizieren, jenseits rein gesundheitlicher Indikatoren zu verstehen.
Diese Entwicklung erscheint unerlässlich, um angemessene Maßnahmen zu entwickeln.
Herkömmliche Systeme sind oft ungeeignet
Ein weiterer wichtiger Gedanke zieht sich durch die verschiedenen Beiträge: Viele Betroffene finden weder in den traditionellen HIV-Angeboten noch in den auf Sucht spezialisierten Einrichtungen einen Platz.
Die Angst vor Stigmatisierung ist nach wie vor groß:
- moralische Verurteilung;
- Verwechslung mit Sucht;
- Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Sexualität und/oder Substanzkonsum, die oft intersektional auftritt;
- Kriminalisierung der Identität oder des sexuellen Verhaltens und des Substanzkonsums;
- Angst, auf die Identität eines „Drogenabhängigen“ oder einer „Risikoperson“ reduziert zu werden.
Diese Spannungen treten besonders stark in Kontexten zutage, in denen sexuelle Minderheiten und Substanzkonsum kriminalisiert werden.
In Marokko und Tunesien zeigt das von Fatiha Rhoufrani vorgestellte Gemeinschaftsprojekt, wie sehr Chemsex in der MENA-Region nach wie vor weitgehend unsichtbar bleibt. Dennoch existieren die betroffenen Gemeinschaften, organisieren sich und entwickeln bereits Formen der Selbstregulierung und der Risikominderung.
Die partizipative gemeinschaftliche Bestandsaufnahme in beiden Ländern ermöglichte es insbesondere, bisher kaum untersuchte Praktiken, aber auch Formen der kollektiven Organisation, der Aufsicht und der gegenseitigen Hilfe unter den Teilnehmenden zu dokumentieren.
Die direkte Beteiligung der Chemsex-Nutzer war entscheidend, um Misstrauen abzubauen und wirklich nützliche Daten zu gewinnen.
Der gemeinschaftliche Ansatz als Zugangsvoraussetzung
Die in Kamerun, im Senegal oder in der MENA-Region entwickelten Projekte kommen zu derselben Erkenntnis: Gemeinschaftsansätze sind nach wie vor am wirksamsten, um die am stärksten marginalisierten Menschen zu erreichen.
In Kamerun haben Programme für MSM, Transpersonen und injizierende Drogenkonsumenten dank folgender Maßnahmen hohe Raten bei der Erkennung und Einleitung von Behandlungen erzielt:
- Peers/Gleichaltrige;
- Digitaltechnik;
- Interventionen vor Ort;
- angepasste Öffnungszeiten;
- gemeinschaftliche Treffpunkte;
- Selbsttests;
- Begleitung durch Peer-Navigatoren
Im Senegal zeigen auch die Mobilisierungen von Frauen rund um den Substanzkonsum, wie wichtig es ist, sich von den starren institutionellen Kategorien zu lösen, die aus dem HIV-Bereich stammen. Viele Betroffene lehnen das Etikett „Drogenkonsument*in“ ab, selbst wenn sie Unterstützung oder Informationen sowie Material zur Risikominderung benötigen.
Gemeinschaftsinitiativen spielen dabei eine wesentliche Rolle:
- Vermittlung;
- Peer-Hilfe;
- psychische Gesundheit;
- wirtschaftliche und materielle Unterstützung;
- Zugang zur Gesundheitsversorgung;
- Risikominderung;
- individuelles und kollektives Empowerment.
Die während der AFRAVIH vorgestellten afrikanischen Erfahrungen zeigen somit eine besonders inspirierende Fähigkeit zur sozialen Innovation auf Gemeindeebene.
Früherkennung, Kurzintervention und allgemeine Gesundheit
Die Vorträge betonten zudem die Bedeutung von Kontaktmöglichkeiten zu Gesundheitsdiensten und gemeindebasierten Organisationen.
Personen, die Chemsex praktizieren, werden häufig häufiger auf HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen getestet, befinden sich häufiger in präventiver oder therapeutischer HIV-Behandlung und sind stärker in Gemeinschaftsnetzwerke eingebunden. Diese Kontaktpunkte können zu wertvollen Gelegenheiten werden für:
- Früherkennung;
- Kurzintervention;
- Gespräche über Substanzen;
- psychische Gesundheit;
- Risikominderung im Zusammenhang mit Sexualität und/oder Substanzkonsum;
- soziale Unterstützung.
Dies setzt jedoch nicht wertende, geschulte und fähige Dienste voraus, die den Konsum ohne moralische Vorurteile ansprechen können.
Ein Ansatz, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht die Panikmache
Im Grunde haben die verschiedenen Sitzungen gezeigt, wie sehr Chemsex als Indikator für die aktuellen Spannungen im Gesundheitswesen fungiert.
- Zwischen biomedizinischem Ansatz und gelebter Erfahrung.
- Zwischen Prävention und sozialer Kontrolle.
- Zwischen sexueller Gesundheit, psychischer Gesundheit und Substanzkonsum.
- Zwischen Institutionen und Gemeinschaften.
Die Referent*innen erinnerten daran, dass eine wirksame Antwort nicht gegen die betroffenen Personen gerichtet sein darf. Sie muss gemeinsam mit ihnen erarbeitet werden, ausgehend von ihren Lebensrealitäten, ihren Praktiken und ihrem Erfahrungswissen.
Sich von der moralischen Panik zu lösen bedeutet nicht, Risiken oder Leiden zu leugnen. Es bedeutet anzuerkennen, dass die betroffenen Menschen auch über Kompetenzen, Anpassungsstrategien und organisatorische Fähigkeiten verfügen.
Und dass die relevantesten Lösungen oft dort entstehen, wo Gemeinschaften über die Mittel verfügen, selbst zu handeln.