Anale Gesundheit und HPV: der blinde Fleck der sexuellen Gesundheit

Schmerzen, Läsionen, vermeidbare Krebserkrankungen, unzureichende Vorsorgeuntersuchungen, anhaltende Tabus: Die anale Gesundheit wird weitgehend ausser Acht gelassen, obwohl für bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders hohe Risiken bestehen. Hinter dem Schweigen rund um das Thema anale Gesundheit verbergen sich wichtige Fragen der Prävention, insbesondere für MSM und Menschen, die mit HIV leben.

Florent Jouinot von der Aids-Hilfe Schweiz berichtet über die AFRAVIH 2026 in Lausanne. 

Analkrebs ist in der Allgemeinbevölkerung nach wie vor relativ selten. Je nach betroffener Gruppe bestehen jedoch erhebliche Unterschiede im Risiko. Wie Marion Di Ciaccio betonte, haben Männer, die Sex mit cisgeschlechtlichen Männern haben (MSM), ein stark erhöhtes Risiko für Analkrebs (33-mal höher als bei heterosexuellen Männern). Bei MSM, die mit HIV leben, ist dieses Risiko im Vergleich zu cisgeschlechtlichen heterosexuellen Männern, die nicht mit HIV leben, sogar um das 85-Fache erhöht. Auch cisgeschlechtliche Frauen, die mit HIV leben, sind betroffen, mit einem im Vergleich zu Frauen ohne HIV achtmal höheren Risiko. 

Im Zentrum dieser Problematik steht das hochriskante humane Papillomavirus (HPV-HR), insbesondere der Genotyp HPV16, der bei der grossen Mehrheit der Analkrebserkrankungen eine Rolle spielt. Eine HPV-Infektion ist jedoch äusserst häufig und kann selbst bei Verwendung von Kondomen und/oder ohne passiven Analverkehr auftreten. 

HIV und HPV: eine besonders ungünstige Wechselwirkung 

Der Vortrag von Déborah Konopnicki beleuchtete die engen Wechselwirkungen zwischen HIV und HPV. Bei Menschen, die mit HIV leben: 

  • treten Hochrisiko-HPV-Infektionen häufiger auf;
  • dauern länger an;
  • treten häufiger wieder auf;
  • entwickeln sich leichter zu präkanzerösen oder kanzerösen Läsionen. 

Hochgradige Läsionen treten im Analbereich bei Menschen mit HIV bis zu fünfzehnmal häufiger auf. 

HPV-bedingte Krebserkrankungen machen mittlerweile 15 % der bei Menschen mit HIV beobachteten Krebserkrankungen aus. Zudem ist ihre Prognose oft ungünstiger, insbesondere wenn HIV nicht gut kontrolliert wird. 

Diese Entwicklung verdeutlicht eine allmähliche Verlagerung der mit HIV verbundenen Gesundheitsprobleme: Dank antiretroviraler Therapien leben die Menschen länger, sind jedoch vermehrt mit chronischen Begleiterkrankungen und Krebserkrankungen konfrontiert, die mit persistierenden Infektionen zusammenhängen. 

Das Paradoxon: vermeidbare Krebserkrankungen 

Am auffälligsten ist zweifellos, dass diese Krebserkrankungen grösstenteils vermeidbar sind. 

Der nonavalente Impfstoff (Gardasil 9) beugt etwa 90 % der HPV-bedingten Krebserkrankungen sowie Genitalwarzen vor. Dennoch konzentrieren sich die Impfstrategien nach wie vor weitgehend auf junge Mädchen, obwohl ein Drittel der Analkrebserkrankungen und ein Grossteil der HPV-bedingten HNO-Krebserkrankungen Männer betreffen, insbesondere MSM. 

Die vorgestellten neuen Daten zeigen zudem, dass die Impfung bei MSM und Menschen mit HIV, deren Viruslast unter Kontrolle ist, bis zum Alter von 40 Jahren wirksam und kosteneinsparend (cost-saving) bleibt. 

Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt: die Früherkennung von Krebsvorstufen. 

Die internationalen Empfehlungen gehen nun in Richtung einer gezielten Früherkennung: 

  • Ab 35 Jahren: MSM und trans Frauen, die mit HIV leben
  • Ab 45 Jahren: alle, die mit HIV leben; sowie MSM und trans Frauen, die nicht mit HIV leben 

Doch die Kluft zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Empfehlungen bzw. der Realität vor Ort bleibt gross 

Anale Gesundheit, nach wie vor von Tabus geprägt 

Warum wird das Thema anale Gesundheit nach wie vor so selten angesprochen? 

Bei den Betroffenen: 

  • Angst vor Verurteilung;
  • Verlegenheit im Zusammenhang mit sexuellen Praktiken;
  • die Erwartung von Schmerzen;
  • mangelnde Informationen;
  • die Wahrnehmung der Untersuchungen als Angriff auf die Männlichkeit. 

Bei den Fachpersonen: 

  • Unbehagen, über anale Sexualität zu sprechen,
  • mangelnde Ausbildung,
  • geringes Selbstvertrauen bei der Durchführung anorektaler Untersuchungen. 

Ergebnis: Gespräche finden oft nicht statt, und die empfohlenen Untersuchungen werden selten durchgeführt. 

Stigmatisierung spielt hier eine zentrale Rolle. Anale Sexualität ist nach wie vor stark mit negativen Vorstellungen verbunden, auch bei Frauen, obwohl anale Praktiken einen grossen Teil der Bevölkerung betreffen. 

Diese Stigmatisierung hat sehr konkrete Auswirkungen: 

  • verzögerte Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen (Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen);
  • Vermeidung von Arztbesuchen;
  • Bagatellisierung von Symptomen;
  • Verschreibungen ohne klinische Untersuchung.  

Anale Gesundheit in die sexuelle Gesundheit integrieren 

Angesichts dieser Feststellung plädieren die Referentinnen für einen stärker integrierten Ansatz. Anale Gesundheit sollte nicht mehr isoliert oder ausschliesslich in hochspezialisierten Sprechstunden behandelt werden. Sie muss in die üblichen Wege der sexuellen Gesundheitsversorgung integriert werden: 

Auch neue Technologien könnten hier für einen Durchbruch sorgen. Dank neuer Biomarker lassen sich hochriskante Läsionen nun besser erkennen, wodurch der Einsatz hochauflösender Anoskopien eingeschränkt werden kann – spezialisierte Untersuchungen, die nach wie vor schwer zugänglich, kostspielig und nur in geringem Umfang erstattet werden und mitunter schmerzhaft sind. 

Welche Herausforderungen ergeben sich für die Schweiz? 

Auch in der Schweiz finden Fragen der Analgesundheit nach wie vor wenig Beachtung, obwohl das Land historisch stark in der HIV-Prävention engagiert ist. 

Für die Aids-Hilfe Schweiz erscheinen mehrere Ansätze wichtig: 

  • die Analgesundheit stärker in die Sexualgesundheit zu integrieren;
  • die Aufklärung der betroffenen Bevölkerungsgruppen zu verstärken;
  • gemeinschaftsbasierte Testmodelle zu unterstützen;
  • die HPV-Impfung bei zu fördern, auch über die aktuellen nationalen Empfehlungen hinaus;
  • die Ausbildung von Fachpersonen und in erster Linie von Fachkräften im Bereich der sexuellen Gesundheit zu verbessern. 

Das Schweigen brechen 

Analkrebs ist in der Allgemeinbevölkerung zwar nach wie vor selten, geht jedoch mit starken Ungleichheiten einher, die mit HIV, sexuellen Minderheiten, Geschlecht und Stigmatisierung zusammenhängen. 

Solange es schwierig bleibt, über anale Gesundheit zu sprechen, sie zu diskutieren oder zu untersuchen, werden die Präventionsmöglichkeiten weitgehend ungenutzt bleiben und die Chancen, die Gesundheit der betroffenen Menschen zu schützen, verpasst werden. 

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