Männer, wir müssen reden.

Der Gedanke kommt immer wieder aus dem Nichts. Beim Schreiben. Beim Wandern. Bei banalen alltäglichen Aktivitäten. Wo sind eigentlich all die andern HIV-positiven Heteromänner? Christopher Klettermayer auf der Suche nach seinesgleichen.

Christopher Klettermayer | Oktober 2022

An den deutschsprachigen HIV-Kongressen, die ich in Europa besucht habe, ist die Heteromann-Abstinenz stets auffällig. Bei den Aids-Hilfen und deren Workshops ebenso. HIV-positive Heterofrauen sind präsent. Da muss es doch auch die dazugehörigen Männer geben – aber immer wieder stehe ich allein da. Dabei gibt es genügend Themen, die auch Heteromänner betreffen: Selbst- und Fremdwahrnehmung, Männlichkeitskonzepte, Dating, Sexualität, Kinderwunsch. Themen, die sich, wenn unbehandelt, schnell in Depressionen, Frustrationen und Aggressionen verwandeln können. Mit den dazugehörigen Konsequenzen.

Und im internationalen Vergleich?

An internationalen Kongressen sieht das natürlich ein wenig anders aus. Sobald man die westeuropäische Sphäre verlässt, sind sie da. Stolz, enthusiastisch und im Schulterschluss, um gegen Diskriminierung vorzugehen und HIV und Aids zu bekämpfen. Aber hier in Westeuropa höre ich lediglich ein fast ohrenbetäubendes Schweigen.

«Der HIV-positive Heteromann
scheint eine Fata Morgana zu sein.»


Nicht nur im HIV-Kontext. In meiner Ausbildung zum Sexualberater und -coach bietet sich mir dasselbe Bild. Wieder und wieder bin ich die «Quoten-Hete». Ganz so, als ob der starke weisse Mann schon alles rund um Sex und HIV weiss und solche lächerlichen Fortbildungen nicht nötig hat! Lese ich von Femiziden, von Gewalt gegen Frauen, wird das Schweigen noch lauter. «Wir sind doch nicht alle so!», höre ich viele flüstern. Aber ein Aufschrei ist das noch lange nicht.

© Christopher Kletter­mayer

Christopher Kletter­mayer

Ich arbeite als Autor und Sexual-Coach mit dem Schwerpunkt HIV. Vor meiner HIV-Diagnose 2014 arbeitete ich als Fotograf in den Bereichen Reportage und Mode. Nach meiner Diagnose rückten für mich das Thema HIV und die gesellschaftlichen und soziologischen Aspekte des Virus in den Vordergrund. Bis vor Kurzem arbeitete ich unter dem Pseudonym Philipp Spiegel. Nach meiner Ausbildung zum Coach fokussiert sich meine Autoren- und Beratungsarbeit auf das Leben mit HIV, Sexualität und Männlichkeitskonstrukte.

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Und wie seid ihr dann? Und vor allem, wo?

Der HIV-positive Heteromann scheint eine Fata Morgana zu sein. Immerhin ist es die Gruppe von Menschen, die keine Alltagsdiskriminierung kennen. Die sich nie rechtfertigen mussten. Die im Alltag Privilegien geniessen und sich dessen gar nicht bewusst sind. Die noch nie aus dem Nichts heraus als «Schwuchtel» oder «Schlampe» beschimpft wurden. Und trotzdem traut sich der HIV-positive Hetero nicht aus dem Versteck heraus.

Es scheint die Angst umzugehen, dass der starke weisse Mann vielleicht doch nicht so stark ist. Dass das Selbstbild womöglich stärker verzerrt ist, als ihm lieb ist. Vielleicht doch ein bisschen schwächer ist als angenommen. Diese verzerrte Wahrnehmung des tapferen Kriegers, der in Krisenzeiten das Ruder übernimmt. Und welche Ruder übernimmt er denn momentan?

Im HIV-Kontext ist es die unheilige Dreifaltigkeit, die Ängste, die auch ich nach meiner Diagnose hatte: Leute werden glauben, ich bin schwul, ich nehme Drogen oder ich schlafe mit Sexarbeiterinnen. Es dauerte eine Weile, bis ich drüberstand und sagen konnte: «Na und? Sollen die Leute doch so was glauben. Ich weiss es besser. Und wenn es so wäre, wäre es ja auch egal.»

Aber das dauerte. Bis ich mit mir im Reinen war. Mit mir und meiner Sexualität. Und da für Männer allein das Thema Sex anscheinend derart tabuisiert und angstbehaftet ist, wird lieber geschwiegen. Die Penisgrösse, die Potenz, das Machogehabe, der Besitzanspruch gegenüber der Frau, die dem Mann sowieso unterlegen ist: die heiligen Säulen der Männlichkeit, die eine innere Verunsicherung überschatten sollen. Mit einer Arroganz, die mit Stolz verwechselt wird und auf ein sehr fragiles Ego hinweist.

Dieser falsche Stolz ist tödlich. «Ich geh doch nicht zum Arzt!», «Ich habe doch kein HIV, warum sollte ich ein Kondom verwenden!?», «Impfung? Brauch ich nicht, mein Immunsystem ist ja so toll.» Viel zu oft sehe ich Männer, die still leiden, die viel zu spät mit Krebs oder HIV oder sonst was diagnostiziert werden. Weil sie die Starken sein wollen, keine Schwächen haben und alles selbst auf die Reihe bekommen.
Und ja, mit meiner HIV-Diagnose litt ich auch kurze Zeit unter solchen Gedanken: Ich habe HIV, ich bin kein echter Mann mehr. Ich bin ohne Medikamente nicht mehr lebensfähig – abhängig. Der starke Ernährer sieht ja wohl anders aus. Welche Frau will schon so eine Zweitware?
Und ich projizierte mein Unwissen auf mein Umfeld. Ich hielt mich für giftig, ergo hielten mich andere für giftig. Ein Verhalten, das mir Kopfweh bereitet. Ein Verhalten, dessen ich mir in so vielen Situationen bewusst sein muss – und beweisen muss, dass ich nicht so bin. Beim Dating, bei Online-Kommunikation, bei fast jedem Kontakt mit Frauen. Ich trage eine Art Erblast der Arschlöcher. Und diese Arschlöcher erschweren so viele schöne Seiten des Lebens. Couchsurfing, Tinder, Online-Marktplätze, jede noch so tolle Idee wird früher oder später vom Dick-Pic verschickenden Pöbel ruiniert.

Um dieser Erblast entgegenzutreten, braucht es endlich mehr Männer, die sich zeigen. Die Verantwortung übernehmen. Die Mitstreiter werden.
Und ja, das bedeutet, sich seiner Privilegien bewusst zu sein, um diese zu teilen. Um auch die Position der gesellschaftlichen Stärke zu nutzen, um anderen Leuten diese Freiheiten zu ermöglichen. Ist es nicht genau das, was «männliche Stärke» ausmacht?
Dieses Bewusstsein wird uns zu Recht abverlangt. Und natürlich ist es eine Herausforderung – insbesondere in einem Klima des reflexartigen Widerstands. In welchem ein paar Beschwerden oftmals mit «Jetzt stell dich nicht so an, jammere nicht so rum» abgetan werden. Lustigerweise mit denselben Argumenten, die stets dafür kritisiert werden, dass sie toxisch seien. Wir reden nicht über Gefühle, aber wenn wir unsere Gefühle äussern, sollen wir nicht darüber reden.

Aber seht euch die andere Strassenseite an. Die Homosexuellen, die auf die Strasse gingen, um Rechte einzufordern – und dafür nach wie vor verprügelt und ermordet werden. Die Frauen, die sofort als Schlampen und Huren dargestellt werden und tagtäglich unter Männergewalt leiden. Ist es da zu viel verlangt, vom hohen Ross der Sicherheit zu steigen und sich mit den unangenehmeren Themen zu beschäftigen? Sein Ego runterzuschrauben, um womöglich von anderen als Waschlappen beschimpft zu werden? Als «kein echter Mann»?
Was soll schon passieren? Dass der grunzende Pöbel sich meldet? So wie er es tagtäglich bei Frauen und Homosexuellen tut? Wenn die damit umgehen können, sollte es der Heteromann doch erst recht können.

Diesen Mob muss Mann einfach belächeln. Drüberstehen. Habt ihr es nötig? Nein. Man kann natürlich auch mit HIV leben, ohne sich zu outen. Ohne sich vulnerabel zu machen. Aber aus meiner Erfahrung ist das ein ziemlich einsames Dasein. Immer versteckt zu sein. Immer in Angst zu leben, geoutet zu werden. Geheimnisse tragen ein Gewicht, das von Tag zu Tag schwerer wird. Und jeden Tag schwerer auf die Psyche einwirken. Und schlussendlich auf die Gesundheit.

Ist es einfach? Keineswegs. Um bei Klischees zu bleiben: Die echte «männliche Stärke» kommt doch aus der Konfrontation. Daraus, der Gefahr ins Auge zu blicken, statt wegzulaufen und sich zu verkriechen. So hat Maskulinität doch auch was Gutes – man muss sich nur dazu entschliessen, sie richtig einzusetzen. Und es ist an der Zeit, der Gefahr ins Auge zu schauen. Und den Männern, die Hass säen, die Gewalt gegen Frauen, Homosexuelle und Andersdenkende provozieren.