Ich bin die Krone der Schöpfung!

Philipp Spiegel

In meinem Leben als Fotograf heisse ich Christopher Kletter­mayer. In meinem Leben als Autor und Künstler heisse ich Philipp Spiegel – ein Pseudonym, das ausschliesslich für meine HIV-bezogenen Arbeiten steht und als persönliche Abgrenzung dient.
Seit 2013 bin ich HIV-positiv, seit dem 2. Januar 2014 weiss ich davon, und seit 2017 schreibe ich regelmässig über mein Leben mit HIV.

www.philipp-spiegel.com
www.cklettermayer.com

Philipp Spiege | April 2021

«Man erkennt seine Privilegien erst, wenn sie infrage gestellt werden»

Seit über zweitausend Jahren wird uns von etlichen Religionen eingeprügelt, wie toll und stark wir Männer, wie moralisch verwerflich Schwule sind und welch manipulativer Besitz so eine Frau sein kann. Zudem: Mein europäischer Pass, der mir relativ einfach Reisefreiheit beschert. Meine Hautfarbe, die mich in weiten Teilen der Welt unverdächtig erscheinen lässt, mir Türen öffnet und selten eine verschliesst. Mein Geschlecht, das mir mehr Gehalt, Respekt und Autorität verschafft. Meine Sexualität, die nie infrage gestellt, angezweifelt oder gar gegen mich verwendet wird.
Als weisser, heterosexueller Europäer geniesst Mann Privilegien. Unzählige Privilegien, die gar nicht alle aufzulisten sind, schwer zu sagen, wo sie anfangen und wo sie enden. Aber mir war das alles nie so bewusst. Wenn man sich in einer Ausgangslage wie meiner befindet, nimmt man diese «angeborene» Immunität nicht wahr. Warum auch?
Klar, das Verständnis, das Mitgefühl und die Solidarität für weniger privilegierte Menschen waren immer da. Ich nahm sie immer ernst, fühlte mit, unterstützte, wo ich konnte – aber Diskriminierung oder den Entzug von Privilegien nachvollziehen zu können, ist eine komplett andere Geschichte.
Pride, Paraden, Kundgebungen, Frauenmärsche, Proteste? Ja, klar soll man das machen, dachte ich mir immer. So ein bisschen mitmarschieren ist gut, mach ich gern! Aber das war es auch schon mit der Solidarität. Daneben hatte ich einfach anderes zu tun, in meinem Alltag beschäftigten mich andere Sorgen.

Ich wusste es damals nicht besser. Im konser­vativen Österreich wächst man ohnehin in einer konservativen Blase auf. Obwohl es schon besser geworden ist, kriecht der Fortschritt elendig langsam voran.
Selbst in Sachen sexuelle Belästigung habe ich, das tolle männliche Geschöpf, Vorteile. Als mir eine Public-Relations-Frau an den Arsch grabschte, war das eine Ehre. Passiert mir ja sonst nie. Was für ein Klischee! Wenn ich mit ihr schlafe, bekomme ich den Job? So mit Mitte zwanzig lässt sich damit als Jungspund sogar prahlen. Weil es eine Ausnahme ist, etwas, was sonst nie vorkommt. Ignoranz kann schon etwas Wunderschönes sein.

Dass Frauen täglich mit so was umgehen müssen, dass es ein Alltag ist, wusste ich – aber ich war in dieser Angelegenheit ohnmächtig. Was kann ich schon bewegen, auf dass sich etwas ändert? So ist die Gesellschaft nun mal, da werde ich als Einzelner wenig erreichen können ...
Erst mit der Zeit sollte ich lernen, dass Schweigen eine Form von Zulassen ist.

Als ich die ersten Artikel über mein Leben mit HIV veröffentlichte, erfuhr ich zum ersten Mal, was es bedeutet, negativ vorverurteilt zu werden, ohne es ignorieren zu können. In den Kommentaren wurde mein sexuelles Verhalten angeprangert. Ich sei pervers. Sexsüchtig. Selber schuld.

«Bis es irgendwann geklickt hat»

Je älter ich wurde, desto mehr wurden mir diese Zustände bewusst. Die Ungerechtigkeiten. Die Missstände. Die Konflikte. Und die Macht, etwas dagegen tun zu können. Ein langsamer Weg des Lernens, der mit dem ultimativen Klick richtig Fahrt aufnahm: meiner HIV-Infektion.
Als HIV in mein Leben trat, schlitterte ich in einen gesellschaftlichen Konflikt, von dem ich zuvor nur peripher etwas mitbekommen hatte. Bei dem ich immer unwissentlich auf der schweigenden Seite gestanden hatte.
Plötzlich erhielt ich eine Überdosis an ungewöhnlichen Gefühlen und Situationen. Plötzlich war ich nicht mehr Teil der Krone der Schöpfung. Ich war anders. Minderwertig. Opfer. Gebrauchte Ware. Ich erlitt einen Statusverlust.
Als ich die ersten Artikel über mein Leben mit HIV veröffentlichte, erfuhr ich zum ersten Mal, was es bedeutet, negativ vorverurteilt zu werden, ohne es ignorieren zu können. In den Kommentaren wurde mein sexuelles Verhalten angeprangert. Ich sei pervers. Sexsüchtig. Selber schuld. Oder sonst was. Diese Kommentare verärgerten mich. Verunsicherten mich. Nicht nur weil einige davon gehässig waren, weil viele vor Unwissen trieften. Ich wollte zurückschlagen, sie beschimpfen. Aber ich hielt mich zurück. Hatten sie vielleicht recht?
Es war das erste Mal, dass ich mich für meinen Sex schämte. Das erste Mal, dass ich dachte, ich müsse mich gegenüber mir selber rechtfertigen – und gegenüber der Gesellschaft. Ich bin so, wie ich bin. Aber wie ich bin, ist unerwünscht.
Zu gross war die Scham, das Gefühl, nicht mehr als Teil der Gesellschaft angenommen zu werden. Wie ein Krimineller, der hilflos seine Unschuld beteuert. Und je mehr ich mich verteidige, desto schuldiger wirke ich. Ich musste versteckt bleiben.
Ich gab meiner Leidenschaft und meinen sexuellen Vorlieben die Schuld, schämte mich für sie. Und gab somit meinen Kritikern recht: Ich bin mit meinem Verhalten unverantwortlich gewesen, ich verdiene den gesellschaftlichen Ausschluss. Das hatte ich nun vom Brechen des Schweigens – eine Lawine an Vorwürfen und die Überzeugung, dass ich selber schuld bin.
Auf einmal war ich empfänglicher für die Ungerechtigkeiten andern gegenüber, auf einmal war da mehr als nur Mitgefühl. Der tägliche Kampf der anderen war plötzlich nachvollziehbar. Das tägliche Sichrechtfertigenmüssen, dass man ist, wie man ist. Dass man auf Männer steht, auf Frauen, auf Anal-, Oral- oder sonstigen Sex. Dass man «anders» ist. Dass man nicht dem Normativ entspricht. Und sich dafür schämen soll.
Je mehr ich in die Welt der Menschen mit HIV eintrat, desto mehr öffnete sich mir eine andere Perspektive. Im Austausch mit anderen HIV-positiven Menschen erkannte ich aber auch eklatante Unterschiede. Der Mann, der wegen seiner Homosexualität von der Familie verstossen wurde. Die Frau, die sich in der vermeintlich monogamen Ehe beim Ehemann angesteckt hatte. Schicksale, die doch sehr anders waren als meins.
Zum ersten Mal hörte ich das ohrenbetäubende Schweigen anderer heterosexueller Männer. Ein Schweigen, das so viele andere Lebensbereiche betrifft. Frauenrechte. Migration. Sexuelle Gesundheit und Schwangerschaftsverhütung. Alles Themen, die einen möglichen Verlust von Privilegien und Status mit sich ziehen.
Hatte ich wirklich einen Privilegienverlust erlitten? Oder war dieser nur gefühlt? HIV war zwar ein harter Schnitt, aber ich genoss weiterhin mein Dasein als weisser, heterosexueller Mann. Geborgen von Freunden und Familie. Und solange ich HIV nicht erwähnte, war es einfach nicht da.

Ich passe nicht in die Diskriminierungsschemas der anderen. Ich bin keine Schwuchtel, keine Schlampe, kein Ausländer. Weiterhin stehe ich unter dem Schutzschild des weissen, westeuropäischen Heteros. Mir bleibt dieses Privileg. Und es erlaubt mir, eine Entscheidung zu treffen: weiterzuleben wie bisher, indem ich HIV kaum thematisiere und mich dem Schweigen anschliesse – oder das Schweigen zu brechen.

«Schweigen ist nicht Gold, Schweigen ist der einfache Weg»

Mit Schweigen mache ich mir keine Feinde, lasse aber die Diskriminierung anderer zu.
Oft frage ich mich: Warum habe ich diese Immunität, die der weisse Hetero geniesst, nie zuvor gesehen? Was hätte es vor HIV gebraucht, um mich darauf aufmerksam zu machen? Um sie nachvollziehen zu können? Ich weiss es nicht.

Zahlreiche Kommentare zu meinen Artikeln zeigen mir, dass Unwissenheit nicht gleich Ignoranz ist. Dass Themen wie Privilegien und Rechte komplex und langwierig sind. Vor allem in einer Zeit, wo man alles sofort wissen will und soll. Komplexität ist erdrückend und angsteinflössend. Statt die Unwissenheit anzuprangern, muss man die Leute bei der Hand nehmen und es ihnen langsam und verständlich erklären.
Bewusstsein entsteht nur häppchenweise. Es sind die Alltagssituationen, in denen man Verständnis schafft und zum Nachdenken anregt. Nachvollziehbare Ereignisse, die einzelne Situationen erklären – und nicht die komplexen patriarchalischen Systeme, die in unserer Gesellschaft so tief verankert sind.
Ja, das ist mühsam, langwierig und anstrengend. Aber wenn ich mit der Moralkeule oder mit Fingerzeigen aufklären will, fühlen sich viele Leute angegriffen.

Die Krone der Schöpfung ist schnell verunsichert und überfordert. Bei jeder Kritik fühlt sie sich sofort angegriffen und schnappt zurück. Ein angelerntes Verhalten, Wut und Angst müssen durch Machogehabe überkompensiert werden. Die Krone der Schöpfung muss, jetzt erst recht, ihren Mann stehen, um sich zu verteidigen. Damit sich am Status quo ja nichts ändert.
In der Defensive greifen die weissen Heteros zu vereinfachten Antworten auf komplexe Probleme – «Werte», «Moral», «Anstand» – und schnappen so nach dem Köder, den Populisten für sie ausgelegt haben, um sie an der Leine langsam, aber stetig fester an sich zu binden.

Ich erinnere mich an eine Situation in meiner Jugend, als eine gute Freundin von mir einfach fragte: «Fühlst du dich sicher, nachts, leicht betrunken, allein auf dem Heimweg, und eine Gestalt geht ein paar Meter hinter dir?»
«Ja, klar.»
«Eben. Ich nicht.»
Da machte es das erste Mal Klick. Ein Häppchen, das ich nachvollziehen konnte. Das mir mein Privileg zeigte, ohne mich und mein Dasein zu werten. Seither wechsle ich bewusst die Strassenseite, wenn ich nachts eine Frau allein die Strasse entlanggehen sehe.
Der Kampf für Gleichstellung ist ein langer, einer, der womöglich nie zu Ende sein wird. Wenn man allerdings bedenkt, dass über zweitausend Jahre lang nur die eine Seite des Menschseins, die männliche, privilegiert war, sind wir in rund hundertfünfzig Jahren Frauenbewegung und knapp vierzig Jahren LGBTQ-Bewegung doch schon verdammt weit gekommen.